PETER AERSCHMANN [ video art ]

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ROOFTOP - Dada post scriptum


gadji beri bimba
glandridi lauli lonni cadori
gadjama bim beri glassala
glandridi glassala tuffm i zimbrabim
blassa galassasa tuffm i zimbrabim . . .

Diese Verse trug Hugo Ball am 23. Juni 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich vor und vermutlich irritierte und amüsierte er damit gleichermassen – heute sind sie fester Bestandteil der Weltliteratur. Seinem Vortrag vorangestellt hatte er die programmatischen Worte: «Man verzichte mit dieser Art Klanggedichte (...) auf die durch Journalismus verdorbene und unmöglich gewordene Sprache. Man ziehe sich in die innerste Alchimie des Wortes zurück, man gebe auch das Wort noch preis, und bewahre so der Dichtung ihren letzten heiligsten Bezirk. Man verzichte darauf, aus zweiter Hand zu dichten: nämlich Worte zu übernehmen (von Sätzen ganz zu schweigen), die man nicht funkelnagelneu für den eigenen Gebrauch erfunden habe.»

Dada ist Sprachkritik – für die Künste heisst das: Kritik am überkommenen Zeichensystem, egal in welchem Medium. Neue Erfahrungen sind mit konventionellen Mitteln nicht auszudrücken und nicht zu erreichen, also müssen überkommene Konventionen zerbrochen werden; deshalb die anhaltenden Umwälzungen in diesen Künsten. Künstler schwanken dabei zwischen Sprachzweifel – dessen letzte Konsequenz das Schweigen ist – und einem fast magisches Vertrauen auf die Sprache. Beide Extreme – Sprachzweifel und Sprachmagie – haben in Europa eine lange Tradition, mit religiösen Wurzeln, deren Spielfeld sich weiter ausdehnt als nur zwischen Erlösung und Ikonoklasmus.

Peter Aerschmanns Arbeiten orientieren sich an diesen Traditionen – das suggerieren immerhin seine Motive und die bildinternen Handlungen –, seine Arbeiten stellen konventionelle Sprachsysteme in Frage und versuchen sich zwischen den beiden Extremen zu domizilieren. «Rooftop, Videoinstallation, 2005, 17 Minuten, Loop» zeigt eine Dachlandschaft in Alexandrien. Passanten bewegen sich zwischen – teils sich ihrerseits bewegenden – Parabolantennen, von denen weitere, nach verschiedenen Satelliten ausgerichtet, auf umliegenden Dächern montiert sind. Wie in anderen Arbeiten auch, werden die Aufnahmen in Einzelsequenzen zerlegt und in einem Baukastensystem abgelegt. Wie die zukünftigen Bewegungen der Personen und die ihrer Positionen im Bild ablaufen, ist aber nur insofern von Peter Aerschmann abhängig, als er die Vorgaben dazu errechnet. «Die Videoanimationen basieren auf einer für jede Arbeit von mir selbst geschriebenen Software. Ich hinterlege jedem Objekt ein Skript, das sein Verhalten in diesem programmierten System vorgibt.» Doch es gibt in den Arbeiten auch die Zufallszahl, die bestimmend eingreift, was dazu führt, dass unklar bleibt, wohin die einzelnen Elemente gehen und jede Veränderung ein noch nie da gewesenes Bild ergibt.

Von der gegenständlichen Malerei herkommend, hat Peter Aerschmann diese aufgegeben, weil er die Bilder, auf der Suche nach dem verlorenen Motiv immer wieder übermalen musste. Während der Ausbildung zum Zeichnungslehrer machte er die Bekanntschaft mit dem Dokumentarfilmer Jürg Neuenschwander. Gespräche ergaben, dass der dokumentarische Charakter sehr oft inszeniert ist, was zur Erkenntnis führte, dass seine Arbeiten auch inszeniert sind, diesen Kunstgriff aber klar zu erkennen geben. Besonders deutlich vielleicht bei Variable 7: Drei Bauarbeiter erneuern einen Parkplatz, dahinter ein Baum, Autos, drei Raben und Hochhäuser. Die Hochhäuser stehen real in Bümpliz, die Raben sind aus Murten, der Baum aus Berlin, hier ist alles zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt.

Bilder übermalen, die Motive überlagern, Bildsequenzen in Einzelteile zerlegen, neu aufbauen, kombinieren, inszenieren, Entwicklung und Arbeiten manifestieren es: – Peter Aerschmanns Vorgehen ist Spiel mit und Kritik an der Bildsprache, der Versuch, neue Systeme zu entwickeln, um Gedanken, Geschichten oder Eindrücke noch präziser zu kommunizieren. Mit Dada hat das insofern zu tun, weil es sich auch bei Peter Aerschmann um eine Aneinanderreihung von unterschiedlichsten Zeichen handelt, die in ihrer Kombination schliesslich eine Handlung und einen tieferen Sinn ergeben.

(Simon Baur, 2007, in Catalog: Fokus Ägypten Past/Present. Eine Ausstellung des Kunstvereins Hildesheim im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim und im Kehrwiederturm, 1. Juli bis 26.August 2007, Kerber Verlag. Bielefeld 2007, S. 15-17 )