PETER AERSCHMANN [ video art ]

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Leben im Loop

Das alltägliche Leben, das Existieren in rhythmisch wiederkehrenden Zeitzyklen, das Sein in repetitiven Mustern: Die Wahrnehmung dieser Realität ist Ausgangspunkt der Arbeiten von Peter Aerschmann. Dafür setzt er am Computer fiktive Szenen zusammen und konstruiert "Wirklichkeiten", die gleichzeitig virtuell und dokumentarisch, die künstlich entworfen und dennoch Abbild der Welt sind. Realität und Virtualität, Zufall und Fügung, Wiederholung und Einmaligkeit sind so Begriffe, die für seine interaktiven Installationen und Videoinstallationen von Bedeutung sind, die sie als gemeinsame Merkmale umfassen.

Das Bildmaterial für seine Arbeiten findet Aerschmann meist im urbanen Alltag, wo er Elemente wie Hochhäuser, Strassen, Verkehrsschilder, Fahrzeuge, aber auch Menschen und Tiere filmt und fotografiert. Sein Augenmerk schenkt er dabei bewusst dem Gewöhnlichen, dem schon zigmal Gesehenen, dem kaum mehr Beachteten. Die einzelnen Motive isoliert er anschliessend am Computer von ihrer Umgebung und fügt sie, sofern gefilmt, zu Sequenzen zusammen, die er in einem Loop ablaufen lässt. Das gewaltige Archiv, das Aerschmann auf diese Weise über die Jahre erstellt hat, bildet den Baukasten, dessen er sich bedient, um immer neue Bilder der Stadtlandschaft, ihres alltäglichen Treibens, zu kreieren. Die Dramaturgie seiner Schauspiele gibt der Künstler mit Vorliebe aus der Hand. Indem er die Entscheidung darüber, welche Bildelemente wann wo auftauchen, häufig dem unparteiischen Zufallsgenerator zuweist oder den Museumsbesucher mittels Knopfdruck in das Geschehen eingreifen lässt, fehlt seinen Schilderungen des urbanen Lebens meist auch eine eigentliche Erzählstruktur. Die sich ergebenden Situationen wirken geläufig und gewöhnlich, gleichwohl aber bizarr und befremdlich, sie öffnen Denkräume und werfen den Betrachter auf sich selbst zurück, halten ihm und seinem Dasein, ohne moralischen Anspruch, einen Spiegel vor.

Prägendes Element für Aerschmanns Arbeiten ist der Loop, der die Protagonisten, offenbar gefangen in ihrem Alltagstrott, unablässig dieselben Bewegungsabläufe wiederholen lässt: Ohne der zwecklosen Anstrengung je überdrüssig zu werden und in beinahe tänzerischer Manier treten so etwa die Personen in People selbstvergessen auf der Stelle, säubern die Dachdecker in Zeitlupe 13 unermüdlich den First, kehren die Strassenfeger in der gleichnamigen Videoinstallation den Platz. In Werken wie Hof oder Mitte wird die rhythmisierende Wirkung der Endlosschlaufe durch ein stetiges horizontales oder vertikales Schwenken der Kamera, in Variable 5 oder Variable 7 durch ein gleichmässiges Gleiten der Bildmotive noch unterstützt. Als anschauliches Beispiel für Aerschmanns Schaffen lässt sich die Videoinstallation Stop heranziehen, bei der sich das Gesamtbild aus der zufälligen Variation von ungefähr fünfzig bewusst flächig und ohne Tiefenwirkung verteilten Elementenergibt, die mal stillstehen, sich mal verschieben und sich selbst nach Stunden nicht in der exakt gleichen Formation präsentieren. Auch hier ist es der Ausstellungsbesucher, der mit Hilfe zweier Taster den Ablauf beeinflussen, den Schauplatz oder die Personen auswechseln kann. Die Kontrolle darüber, wie was verändert wird, ist letztlich aber nicht ihm, sondern der Willkür des Computerprogramms vorbehalten. Trotz der nahezu unendlichen Anzahl von Kombinationsmöglichkeiten der Bildelemente scheint sich die grundsätzliche Ansicht kaum zu verändern: Sie zeigt Menschen in einer urbanen Szenerie, die ihr Treiben, ihr Vorwärtsschreiten für einen Moment unterbrechen, den Regeln der Stadt unterwerfen und warten – warten, bis die Ampel auf Grün springt, die Strassenbahn eintrifft, ihre Verabredung aufkreuzt. Zu einem zwischenmenschlichen Kontakt kommt es dabei aber nicht. Die Figuren sprechen nicht miteinander, nehmen sich gegenseitig nicht einmal wahr, sondern harren vielmehr der Dinge oder wiederholen Bewegungsabläufe. Ungeachtet der geradezu hopperschen Einsamkeit, welche die Individuen umgibt, entbehrtdie Situation, wie so oft in Aerschmanns Arbeiten, nicht einer gewissen Komik. Die Gelassenheit, mit welcher die scheinbar einem kollektiven Gedächtnis- und Identitätsverlust anheim gefallenen Gestalten der stets selben, zusehends uniform und unsinnig werdenden Beschäftigung nachgehen, wirkt skurril, sonderbar und surreal. Dergestalt entpersonalisiert, werden die Figuren zu Projektionsflächen für die Fantasie des Zuschauers. Wie die unbelebten Elemente werden die Menschen – hermetisch von der Umwelt isoliert – mit immer gleichem Tempo im Bildraum verschoben, wodurch das von vertikalen und horizontalen Linien sowie einem von gelegentlichen Farbtupfern durchbrochenen Alltagsgrau geprägte Gesamtbild akzentuiert wird. Die anhaltende Bewegung der Objekte und Farben evoziert so eine für Aerschmann typische innerbildliche Losgelöstheit von Ort, Zeit und Handlung, die den Betrachter in die Bilder eintauchen, das Geschehen erfahren lässt.

Es sind konstruierte Wirklichkeiten, die Aerschmann kraft einer Inkongruenz von inhaltlicher und formaler Ebene erschafft. Indem er das manipulative Potenzial der Objektivität und Originaltreue verheissenden Medien Fotografie und Film nutzt, gibt er den dokumentarischen Anspruch seiner gleichwohl ganz und gar im Alltag verankerten Bilder auf. Obgleich also der Künstler mit seinen fotografischen Abbildungen der sichtbaren Welt treu bleibt, befreit er sie von ihrem Kontext und erschafft so, wie ein Maler mit seiner Farbpalette, neue Welten, die zwar nur bildhafter Ausdruck eines Verständnisses von Wirklichkeit sind, gleichzeitig aber eine Realität zeigen, die bekannt und vertraut ist. Dank der süssen, gar heiteren Melancholie, mit der Aerschmann Alltägliches, Farbloses und Repetitives darstellt, spiegelt der Loop denn auch nicht etwa Stagnation oder Isolation wider, sondern vielmehr ein versöhnliches Akzeptieren des Flusses der Zeit, des Seins schlechthin. "Mir geht es um die Vorstellung von einem "Leben in Loops", erklärt Aerschmann im Gespräch. "Wenn ich aus dem Atelierfenster schaue, ändern sich einzig Details, die sich in nie der exakt gleichen Konstellation wiederholen. Die eigentliche Ansicht aber bleibt immer die gleiche.“ So wie sich die Erdkugel rhythmisch um ihre eigene Achse dreht, zeigt sich auch der Blick von oben auf das Leben ihrer Bewohner als die tägliche Wiederkehr von schon Erfahrenem. Die Sicht aus Aerschmanns Atelierfenster auf die Strasse und die in unregelmässigen Abständen vorbeifahrenden Autos oder den Platz, den die Menschen durchschreiten, auf dem sie bisweilen aber auch verweilen, um kurz darauf wieder aufzubrechen, zeigt zwar nur einen kleinen Teil der Welt, doch ist er paradigmatisch für die Realität, in der wir leben. Aerschmanns virtuelle Wirklichkeiten erhalten so einen gleichsam globalen Gültigkeitsanspruch, der über das individuell Erlebte, das Einzelschicksal hinausgeht.

Petra Giezendanner,  2005