PETER AERSCHMANN [ video art ]

TEXT [SELECTION]

Download as [ PDF ]

'Unsichtbare Welten' im Kunstverein / D

Kunstbulletin 7/2006, Hans-Dieter Fronz, 'Besprechung'

'Unsichtbare Welten' im Kunstverein? Gemach, die so betitelte Ausstellung des Kunstvereins Freiburg/B will die Besucher keineswegs zu visueller Askese verführen. Sondern gewöhnlich unsichtbare Strukturen sichtbar machen und Sachverhalte, denen wir normalerweise keine Beachtung schenken oder die wir übersehen, visualisieren.

Die erste von Felicity Lunn für den Freiburger Kunstverein konzipierte Ausstellung ist mithin eine Themenschau. Die neue Leiterin versteht ihr Haus nicht als blosse Plattform für junge Talente. In jährlich einer thematischen und einer Gruppenausstellung will sie Themen aufgreifen, die ihr diesseits von modischen Strömungen aktuell erscheinen. Einen kleinen Schwerpunkt setzt sie bei neueren Tendenzen in der Malerei.

Die ist in der aktuellen Schau zwar nicht vertreten. Dafür hat Lunn ihre Maxime, neue Positionen aus anderen Ländern und Städten in den Kunstverein zu holen, mit fünf Künstlern aus ebenso vielen Ländern (von denen keines Deutschland heisst) maximal realisiert. Sie zeigt konzeptuelle Arbeiten, die auf intensiven Forschungen - in Archiven, Bibliotheken, naturwissenschaftlichen Instituten - beruhen. Die radikalste Position vertritt der Däne Joachim Koester. Sein 16-mm-Film berichtet von der Katastrophe einer missglückten Nordpol-Überquerung mittels der Leerstellen, welche die extreme Witterung in die Filmstreifen gefressen hat, die man bei den Abenteurern fand. Das Ungesehene lässt Koester ungesehen, doch gerade im Entzug gewinnt es geheimnisvolle Präsenz.

Auch Oswaldo Macias Klanginstallation 'Surrounded in Tears' operiert mit dem Ungesehenen. Hundert akustische Zeugnisse weinender Menschen montiert der Kolumbianer zu einem an- und wieder abschwellenden interkulturellen Chor der Klage und der Lust - vom ersten Schrei eines Neugeborenen bis zur Totenklage australischer Aborigines, verteilt auf 15 Megaphone mit skulpturaler Anmutung. Auch hier animieren gerade die visuellen Leerstellen das Spiel der Phantasie. Dagegen zieht die Schottin Annie Cattrell die unsichtbaren organischen Grundlagen emotionalen Ausdrucks wie der sinnlichen Wahrnehmung buchstäblich ans Licht. Ihrem Glasmodell einer Lunge treten Kunstharzmodelle jener Gehirnregionen zur Seite, die sich den fünf Sinnen zuordnen.

Wenig beachteten Aspekten des Alltags widmen sich die beiden übrigen Arbeiten. Mit melancholischem Humor entlarvt der Schweizer Peter Aerschmann in DVD-Projektionen und interaktiven Computerinstallationen die genormte Stereotypie modernen Lebens. Während uns der Franzose Didier Courbot mit seinen performativen Fotografien, die kleine Eingriffe in der urbanen Umgebung dokumentieren, die Augen öffnet für unbeachtete Details unseres Alltags.