PETER AERSCHMANN [ video art ]

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Manchmal bringt ein unscheinbares Detail alles ins Rollen

Kunstbulletin 5/2003, Elisabeth Gerber

Elisabeth Gerber: Mit Peter Aerschmann und Hubert Dechant zeigt die Stadtgalerie Bern zwei Künstler, die ihr Ausgangsmaterial im urbanen Alltag finden. Aerschmann filmt mit der Videokamera, Dechant fotografiert mit einer Kleinbildkamera. Beiden geht es bei der anschliessenden Bearbeitung am PC oder mit dem Medium Zeichnung immer auch um die Frage, ob und wie man mit den Mitteln der Kunst Wirklichkeit erfahrbar machen kann.

Ein Gespräch mit Elisabeth Gerber im Vorfeld der Ausstellung

Elisabeth Gerber: Wodurch wird euer Interesse gerade für städtische Szenerien, für Menschen und alltägliche Gegenstände bestimmt?

Hubert Dechant: Ich weiss nicht, ob man die Themen wählt, sie springen einen an. Ich bin fasziniert von all den Menschen, der Vielfalt von Typen, denen ich in einer Stadt begegnen kann, beim Einkaufen, im Kino, auf der Strasse. Vielleicht ist das auch eine gute Möglichkeit, Leute kennen zu lernen.

Peter Aerschmann: Für mich ist es auch der eigene Lebensraum, welcher die Wahl bestimmt – und der ist nun mal städtisch. Dabei geht es immer um überschaubare Räume, einen Platz, eine Strasse. EG: Wie geht ihr konkret vor, wenn ihr euer Material sammelt?

HD: Ich habe im Zug begonnen, Leute zu zeichnen. Heute habe ich immer eine Kleinbildkamera dabei, mit der ich quasi mein Material im unmittelbaren Umfeld sammle und damit eine erste Auswahl treffe. Ein kleines Detail, Sympathie oder Neugierde bestimmen, ob ich eine Person fotografiere, sie bitte, sich alleine vor die Kamera hinzustellen. Sie posieren dann 5 bis 10 Sekunden lang für mich. Dieses ganz kurze Anhalten ist immer auch ein Moment der Verunsicherung, es hebt die Person aber auch aus dem Alltag heraus. Wobei es mir jedoch nie um die grosse Geste geht.

PA: Ich liebe die Spannung, die daraus entsteht, dass die Leute nichts wissen. Merkten sie etwas, hätte ich Angst, dass sich das Alltägliche verliert. Wenn jemand interveniert, dann höre ich allerdings auf. Ansonsten lasse ich den Zufall spielen, vom Moment an, wo ich die Videokamera aufgestellt habe, wird alles aufgezeichnet. Daraus entsteht mein Inventar, meine Datenbank, mit der ich dann arbeite.

EG: Geht es bei der Bearbeitung der Abbildungen auch um die Frage nach der Darstellbarkeit von Realität?

PA: Wenn ich ein Projekt beginne, dann spielt der Zufall auch beim Visionieren, beim Durchklicken der Bilder eine Rolle. Ich suche oder finde beispielsweise einen Hund, und dann beginne ich eine Szene dafür zu bauen; oder ich habe einen Platz, den ich beleben will. Dazu isoliere ich die Details um sie frei verfügbar zu machen. Da ist sicher auch der Wunsch, ein wenig Gott zu spielen. Ich lasse die Kompositionen aber immer mehr offen. Das Publikum kann jetzt bei meinen Installationen ins vorgegebene Material eingreifen. Für mich sind es Konstrukte, die in Bewegung bleiben und sich gleichzeitig wiederholen. Das entspricht mehr der Wirklichkeit, wie ich sie erlebe, als die Momentaufnahme eines Foto oder ein filmischer Ausschnitt.

HD: Meine Form, Leute kennen zu lernen und zu fotografieren hat etwas Flüchtiges. Es entstehen Erinnerungen, die etwas sehr Schwebendes haben. Ich frage mich dann: Sind das Abbilder, Porträts oder etwas dazwischen? Ich gehe zwar von individuellen Fotos aus, entwickle bei meinen Wandzeichnungen dann aber eine unglaubliche Reduktion. Die Zeichnungen sind eher Zeichen, die für etwas stehen. Ich isoliere die Figuren von ihrem Alltagskontext, sie werden fast typenhaft auf ihre Essenz reduziert. Man kann deshalb sehr viel in sie hinein projizieren.

EG: Es geht dir also weniger um das Porträt im Sinne einer Vergegenwärtigung einer konkreten Person?

HD: Ich denke, als Künstler kann ich nur Spuren legen. Diese mit Inhalt zu füllen, liegt beim Betrachter. Ich gebe ja nur ein paar Linien vor, am Anfang waren es sogar nur Kohlezeichnungen, also ein extrem ephemeres Material. Was mich bei meinen Wandzeichnungen auch interessiert, ist, wie ich die Figuren in die Architektur integrieren kann. Wie sie sich zueinander in Beziehung setzen lassen und wie sie dem Betrachter gegenübertreten. Da kann sich etwas von diesem Gefühl der Verunsicherung übertragen, welche die Porträtierten beim Fotografieren erfahren haben.

EG: Peter Aerschmann, bei deinen Videos und Installationen verwendest du oft den Loop.

PA: Ich entwickle meine Arbeiten eher entlang einer ganz bestimmten Zeitvorstellung. Deshalb verwende ich die künstlerische Form des Loop. Sie führt auch dazu, dass ich gerne Bildmaterial verwende, etwa Plätze, Bahnhöfe oder auch Dachdecker, die dieses Thema der Wiederholung schon in sich tragen. Mir geht es um die Vorstellung von einem «Leben in Loops». Ich schaue aus dem Atelierfenster und es ist alles fast immer gleich. Höchstens Details ändern sich, wiederholen sich in nie gleichen Konstellationen. Das hat für mich nichts Negatives. Im Gegenteil, Wiederholungen – in der Musik, im Tanz, im Rhythmus, im Alltag – sind oft der Grund für etwas Schönes.